STOTTERN und POLTERN

Woran erkenne ich Stottern?

Beim Stottern treten unfreiwillig Veränderungen der Wörter während des Sprechens auf. Der Stotternde weiß genau was er sagen möchte, aber es ist ihm nicht möglich den Satz flüssig zu sprechen. Es kommt zu Dehnungen („Ich möchte das aaaaaaber.“),  Wiederholungen von Silben und Lauten („Ich mömömöchte das aber.“) oder zu Blockierungen („Ich möchte das… a… a…aber.“).

Zusätzlich kann das Sprechen für den Stotterer anstrengend sein. Er kämpft gegen das Stottern an. Dies kann man z.B. am Gesichtsausdruck erkennen  (die Gesichtsmuskulatur arbeitet angestrengt) oder durch Mitbewegungen anderer Körperteile.  

Manchmal kommt zu dem Stottern auch Angst vor dem Sprechen bestimmter Laute oder Wörter oder vor dem Sprechen in bestimmten Situationen hinzu.

Was ist die Ursache für Stottern?

Dies versucht die Forschung immer noch genauer herauszufinden. Angenommen werden kann aber, dass dabei drei Faktoren im Zusammenspiel stehen:

die vererbte Veranlagung zum Stottern è ein Auslöser è aufrechterhaltene Bedingungen

Das Stottern wird also vererbt. Der Mensch hat dann zwar die Veranlagung zum Stottern, aber das Stottern muss nicht zwingend schon auftreten.

Kommt dann ein auslösendes Erlebnis hinzu, können die Stottersymptome zum Vorschein kommen. Eine auslösende Situation kann ein Krankenhausaufenthalt oder die Geburt eines Geschwisterkindes sein. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Symptome wieder zurückgehen.

Sind jedoch das Stottern aufrechterhaltende Bedingungen vorhanden, kann das Stottern sich verfestigen. Aufrechterhaltende Bedingungen sind zum Beispiel ungünstiges Kommunikationsverhalten oder sprachliche Entwicklungsverzögerungen. An das Kind werden dann Anforderungen gestellt, denen es in seiner derzeitigen Entwicklung nicht gerecht werden kann.

Im Laufe der Entwicklung versuchen Stotterer häufig mit viel Anstrengung gegen das Stottern anzukämpfen. Negative Gefühle wie Angst und Frustration können das Stottern verstärken. Dies führt zu einem Teufelskreis. Die Angst vor dem Stottern verstärkt die Stottersymptome, woraufhin wiederum die Angst vor dem Sprechen größer wird.

Immer noch gibt es viele Vorurteile über die Ursachen von Stottern, die nicht zutreffen:

  • Stottern hat nichts mit der Intelligenz zu tun
  • Stotternde haben keine psychische Störung, sie sind nicht besonders nervös o.ä.
  • Stottern ist keine Atemstörung („tief durchatmen“ hilft nicht)
  • Stottern ist nicht ansteckend, die Betroffenen haben es sich auch nicht von anderen Stotternden abgeguckt
  • Die Erziehung oder das Verhalten der Eltern ist nicht Schuld am Stottern.

 Wann ist eine Therapie sinnvoll?

Stottern ist nicht zwingend therapiebedürftig. Hat jemand nur leichte Stottersymptome ohne Anstrengung und ohne Ängste gegenüber dem Stottern, braucht er keine Therapie, wenn ihn das Stottern in der Kommunikation kaum behindert. Sind Kinder betroffen, kann auch nur eine Elternberatung stattfinden, ohne eine Therapie des Kindes.

Ob Stottern behandelt werden sollte, richtet sich nach der Schwere des Stotterns, möglicherweise vorhandener psychischer Reaktionen (Angst, Anstrengung oder Vermeideverhalten) und anderer Risikofaktoren. Liegen beispielsweise Risikofaktoren vor, die das Stottern aufrechterhalten können, ist eine Therapie sinnvoll.

Es gibt keine Vorhersage, bei welchen Kindern und mit welcher Therapiemethode das Stottern zurückgeht. Je früher eine Beratung oder Behandlung stattfindet, umso besser sind aber die Chancen. Bei sehr vielen der stotternden Kinder bildet sich das Stottern auch ohne Therapie vollständig zurück. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Stottern komplett zurückbildet lässt sich durch eine Therapie jedoch erhöhen. Manchmal verhindern aufrechterhaltende Bedingungen wie eine Sprachentwicklungsverzögerung oder dauernde große Hektik im Alltag, dass sich das Stottern zurückbilden kann. Dann ist eine Therapie sinnvoll um die aufrechterhaltenden Bedingungen auszumachen und zu bearbeiten.

Bei Erwachsenen ist ein komplettes Zurückbilden des Stotterns unwahrscheinlich. Eine Therapie ist sinnvoll, wenn das Stottern den Betroffenen im Alltag und Beruf einschränkt.

Was sind Ziele und Inhalte einer logopädischen Therapie?

  • Die Therapie mit jungen Kindern hat das Ziel Bedingungen zu schaffen, die eine Zurückbildung des Stotterns erleichtert. Das für ihr Kind und ihre Familie passende Therapiekonzept wird ausgewählt.
  • Als Eltern werden sie beraten, wie sie zu Hause mit den Unflüssigkeiten umgehen können. Das Kommunikationsverhalten in der Familie wird thematisiert damit sie als Eltern eine sprechflüssigkeitsfördernde Atmosphäre in Ihrer Familie schaffen können.
  • Das Sprechen und Stottern soll für ihr Kind möglichst anstrengungsfrei werden. Strategien zur Erreichung flüssigen und lockeren Sprechens werden eingeübt.
  • Vorhandene Sprechängste sollen abgebaut werden. Das Selbstvertrauen der Kinder in Sprechsituationen wird gestärkt. Mögliche das Stottern aufrechterhaltende Faktoren werden ausfindig gemacht und verändert.
  • Bei Erwachsenen ist die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Zurückbildung des Stotterns sehr gering. Entsprechend sind die Ziele andere. Begleitsymptome des Stotterns wie Sprechangst, Anstrengung, Mitbewegungen oder Vermeideverhalten sollen abgebaut werden. Die übrig bleibenden Kernsymptome des Stotterns (Dehnungen, Wiederholungen, Blockierungen) können mit Sprechtechniken verändert werden. Ziel ist es ein flüssiges und natürliches Sprechen zu ermöglich, welches die Betroffenen in der Kommunikation nicht einschränkt. Auch hier besprechen wir gemeinsam mit dem Patienten welche Methode am passendsten ist.

 Stottern im Kindesalter

Am häufigsten beginnt Stottern im Alter zwischen 3 und 6 Jahren. Nur 5 % aller Kinder stottern im Laufe ihrer Entwicklung, also jedes 20te Kind. Dabei zeigen die Kinder viele stottertypische Unflüssigkeiten. 60 – 80 % der Kinder überwinden das Stottern jedoch wieder vollständig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind das Stottern vollständig überwindet kann durch eine Therapie oder Elternberatung gesteigert werden.

In der Therapie mit Kindern arbeiten wir sehr stark mit den Eltern zusammen. In einem ersten Beratungsgespräch machen wir uns einen ersten Eindruck von der Situation und klären Fragen. Es folgt eine genaue Diagnostik. Die Ergebnisse werden mit Ihnen besprochen. Manchmal ergibt die Diagnostik auch, dass zwar Stottern vorliegt jedoch keine Therapie notwendig ist. Auch dann wird das weitere Vorgehen mit Ihnen ausführlich besprochen.

* Was bedeutet „physiologisches Stottern“ oder „entwicklungsbedingtes Stottern“?

Diese Begriffe sind veraltet, da sie irreführend sind. Stottern ist keine normale Erscheinung in der Entwicklung der Kinder und kann daher nicht „entwicklungsbedingt“ sein. Eine Therapeutin kann Stottern von anderen Unflüssigkeiten abgrenzen. Tatsächlich können Sprechunflüssigkeiten bei jedem Menschen in jedem Alter auftreten, z.B. das Wiederholen von Wörtern und Satzteilen oder Satzabbrüche. Dies ist normal und kein Stottern.

Stottern im Jugendalter

Im Jugendalter spielen Reaktionen auf das Stottern eine noch größere Rolle als im Kindesalter. Selbstbehauptung und der Umgang mit den Reaktionen anderer, aber auch Angst vor dem eigenen Stottern nehmen einen großen Raum in der Therapie ein.

Eine Therapie soll die Jugendlichen fit zum Thema Stottern machen. Sie sollen Fragen dazu beantworten können um selbstbewusst ihre Umgebung zu informieren und Vorurteile auszuräumen.

Aber auch das Stottern selbst soll verändert werden. Dazu müssen die Jugendlichen ihr Stottern wahrnehmen können. Jeder stottert anders. Die Jugendlichen sollen ihre Art zu stottern herausfinden, um dann an einer Veränderung zu arbeiten.

Im Jugendalter ist die Zusammenarbeit in der Therapie sehr wichtig. Denn nur wenn Therapeut und Patient beide an einem Strang ziehen, kann etwas verändert werden. Dem Jugendlichen wird Stück für Stück mehr Verantwortung für sein Stottern übertragen. Aufgaben, die Zuhause bearbeitet werden sollen, spielen eine große Rolle.

Ab der Pubertät wird es zunehmend unwahrscheinlich, dass das Stottern sich vollständig zurückbildet. Jedoch kann das Stottern bzw. das Sprechen verändert werden. Die Jugendlichen können lernen das Stottern zu kontrollieren und ihre Sprechkontrolle widerzugewinnen. Dies hilft auch bei einem selbstbewussten Umgang mit dem Stottern.

Die Stotter-Symptome können stark schwankend auftreten. Es kann vorkommen, dass ein Tag lang gar nicht gestottert wird und am nächsten Tag jedes zweite Wort gestottert ist. Möglich sind auch längere stotterfreie Phasen, sodass die Therapie in dieser Zeit ausgesetzt werden kann und wieder einsetzt, wenn eine starke Stotter-Phase da ist.

Die Beratung von Lehrern, den Eltern, Mitschülern und Freunden kann auch ein wesentlicher Bereich der Therapie sein.

Stottern im Erwachsenenalter

Stottern entsteht fast ausschließlich im Kindesalter. Als Erwachsener begleitet Sie das Stottern also vermutlich schon eine ganze Weile. Häufig arrangieren sich Stotternde im Laufe des Lebens mit ihrem Stottern, nehmen private und berufliche Einschränkungen in Kauf (bestellen z.B. beim Bäcker Mohnbrötchen obwohl sie lieber Sesambrötchen essen, weil für sie Mohnbrötchen schwieriger auszusprechen ist) oder entwickeln Strategien unangenehme Situationen zu vermeiden.

Stottern ist veränderbar, egal in welcher Lebensphase. Deshalb möchte wir Sie dazu ermutigen Ihre Lebensqualität zu verbessern, indem Sie das Stottern kontrollieren und nicht das Stottern Ihr Leben kontrolliert. Gerne können Sie uns kontaktieren, wenn Sie Fragen zur Stottertherapie oder zum Stottern allgemein haben.

Poltern

  • Poltern ist wie auch Stottern eine Störung des flüssigen Sprechens. Äußerungen werden, bevor ihre Planung abgeschlossen ist, bereits gesprochen. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass Poltern erblich bedingt ist.
    • Symptome sind ein schnelles oder stark schwankendes Sprechtempo. Beim Sprechen kommt es zu Auslassungen von Lauten (z.B. „Gib mir ma de Löffe“ für „Gib mir mal den Löffel“), Verschmelzungen von Wörtern („für dich“ wird zu „fürch“) und Wiederholungen von Silben oder Wörtern (z.B. „dann dann dann bin ich gege nach Hause gegegegangen“).
    • Das Sprechen ist dadurch für die Umgebung schwer verständlich. Außerdem kann die Sprechatmung auffällig sein und Probleme in der Sprechplanung auftreten. Dies äußert sich in Satzabbrüchen, langen und verschachtelten Sätzen oder zusammenhangslosen Erzählungen. 
    • Häufig bemerken polternde Menschen ihre abweichende Sprechweise nicht. Erst durch die Reaktionen der Umwelt bemerken sie die Kommunikationsprobleme.
    • In der Therapie wird die Eigen-Wahrnehmung der Symptome erarbeitet. Auf dieser Basis kann an der Korrektur und Strukturierung des Gesprochenen und an der Sprechgeschwindigkeit gearbeitet werden. Es finden schließlich Übungen statt, die das Erlernte in den Alltag übertragen sollen. Nur so kann die Therapie nachhaltig wirksam sein.
    • Durch die Therapie können die Symptome nicht vollständig zurückgehen. Die eingeübte Sprechkontrolle erfordert eine hohe Konzentration und kann nicht den ganzen Tag aufrecht erhalten werden. Es kann aber bewirkt werden, dass der Polternde lernt sich in bestimmten, ihm wichtigen, Situationen zu kontrollieren und dann kaum Polter-Symptome auftreten.
    • Poltern und Stottern können gemeinsam auftreten. Durch eine ausführliche Diagnostik findet eine Abgrenzung zwischen den beiden Störungen statt.

Wenn Sie eine Beratung oder Therapie wünschen, melden Sie sich gerne telefonisch bei uns an.     

Bevor wir die Behandlung oder Beratung durchführen können, ist die Ausstellung einer Verordnung durch einen Arzt erforderlich (z.B. Hausarzt, Neurologe, HNO-Arzt, Kinderarzt).